Geschichte und Ausblick

Seit jeher ist es so: Arbeitnehmende und Arbeitgeber sitzen nicht an gleich langen Hebeln.

Der VPOD hat eine weit über 100-jährige Geschichte. Seine Vorläuferorganisationen reichen bis in die 1890er Jahre zurück, als in verschiedenen Schweizer Städten Gemeinde- und Staatsarbeiter Verbände gegründeten. 1896 entstanden die ersten Strassenbahnerverbände in Bern und in Zürich. Als Gründungsdatum des VPOD gilt der 19. November 1905: An jenem Tag wurde im Grütliheim in Zürich der Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter der Schweiz gegründet. Erster Präsident war Herman Greulich, der Vater der Gewerkschaften in der Schweiz. Seit 1924 trägt der VPOD seinen heutigen Namen.

Die frühen Jahre

In den frühen Jahren standen gewerkschaftliche Kämpfe, etwa um die Senkung der Arbeitszeit, im Vordergrund. Aber auch die gewerkschaftliche Solidarität der Arbeitnehmenden unterinander bildete sich aus: 1926 führte der Verband eine Arbeitslosenversicherung als Selbsthilfeorganisation ein. Lange vor der AHV sorgte der VPOD mit Pensionskassen speziell bei den städtischen Arbeitgebern für eine Absicherung im Alter. In den dreissiger Jahren kämpfte der VPOD gegen Lohnabbau und gegen eine Bewältigung der Krise auf dem Buckel der Lohnabhängigen. Zugleich war der Verband für viele Heimstatt und Heimat; während des Zweiten Weltkriegs engagierte er sich unter seinem damaligen Sekretär Hans Oprecht stark für die Flüchtlinge.

Der Aufschwung

Die Nachkriegsjahrzehnte standen im Zeichen eines Wirtschaftsaufschwungs; unter Max Arnold verstärkte sich die Teilhabe der Lohnabhängigen am allgemeinen Wohlstand. 1950 forderte eine erste Berufskonferenz für weibliche Mitglieder gleiche Entlöhnung für Frauen und Männer bei gleichwertiger Leistung.

Eine Zeitenwende kündigte sich in den 1970er Jahren mit der ersten weiblichen Präsidentin (Ria Schärer) und mit Walter Renschler an, der ab 1974 als geschäftsleitender Sekretär den Verband führte. 1975 stieg die Mitgliederzahl auf über 40'000; immer stärker kamen nun Frauen, Beschäftigte der stark wachsenden Gesundheits- und Sozialberufe, in den Verband. Ihr Kampf für gleichen Lohn für gleiche Arbeit gipfelte 1991 im Frauenstreik, der massgeblich auf die Initiative des VPOD zurückging.

Unbeschreiblich weiblich

1994 erhielt der VPOD mit Doris Schüepp die erste weibliche Generalsekretärin; nach der Wahl von Christine Goll zur Präsidentin im Jahr 2003 hatte er vorübergehend sogar eine weibliche Doppelspitze. Auch in der Mitgliedschaft machten sich die Frauen immer deutlicher bemerkbar; seit 2007 haben sie im VPOD die Mehrheit. Am zweiten grossen Frauenstreik 2019 war der VPOD wiederum massgeblich beteiligt. Die Arbeitswelt und auch die Sozialversicherungen werden sich daran gewöhnen müssen, dass die Beschäftigten eben nicht nur Erwerbsarbeit verrichten, sondern daneben noch andere Verpflichtungen und Aufgaben haben. Die Arbeitswelt muss entsprechend umgestaltet werden.

Im Rahmen der neoliberalen Offensive seit 1989 muss sich der VPOD an vielen Orten und auf vielen Ebenen gegen Liberalisierung, Privatisierung und Outsourcing von öffentlichen Dienstleistungen wehren oder deren Auswirkungen auf die Beschäftigten abfedern. Oft tut er das mit Erfolg; so hilft er 2002 mit einem Referendum, eine hemmungslose Strommarktliberalisierung auszubremsen.

Mit dem Service public durch die Krise

Die Corona-Pandemie, die grösste Herausforderung für die Schweizer Gesellschaft seit 1945, hat es deutlich gemacht: Ohne einen gut ausgebauten und anständig bezahlten Service public geht es nicht. Nicht nur beim Gesundheitspersonal liegt hier vieles im Argen. Es droht nicht nur beim Strom eine Versorgungslücke; auch Gesundheits- und soziale Dienste kommen an ihre Grenzen, wenn sich nichts ändert. Corona dürfte nicht die letzte Krise gewesen sein. Immerhin: Es lässt sich daraus lernen. Eine wichtige Lektion ist, dass man im öffentlichen Bereich nicht sparen darf. Denn am Ende des Tages sind es die "Systemrelevanten", die den Karren ziehen.

Gleichzeitig müssen wir kämpfen, um die bestehenden Errungenschaften der Arbeiterbewegung zu erhalten. Wie gerne würden die Bürgerlichen nicht nur am Frauen-, sondern überhaupt am Rentenalter schrauben. Gewiss hat sich die Lebenserwartung seit Einführung der AHV deutlich erhöht. Zugenommen hat aber auch die Produktivität. Und der Stress in der Arbeitswelt. Wenn da nach der Pensionierung noch ein paar gute Jahre auf uns warten - dann haben wir uns die verdient. Und für die Elternschaft braucht es auch in der Schweiz endlich eine Regelung auf der Höhe der Zeit.

Die grosse Challenge

Die grosse Challenge kommt erst noch: Es muss uns gelingen, die Digitalisierung der Arbeitswelt so zu gestalten, dass niemand unter die Räder kommt. Und wir müssen die Wirtschaft ziemlich rasch umbauen, damit sie nachhaltig ist und nicht mehr auf der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen basiert. Das wird mehr als eine Pinselrenovation. Aber es muss so ablaufen, dass die soziale Schwächeren dabei nicht das Nachsehen haben. Dem Service public und dem VPOD kommt in dieser Umgestaltung eine zentrale Rolle zu.